Kicker, Kult und Co.

Kicker, Kult und Co.

Grußwort von Bischof Franz-Josef Bode

"Gott zeigt sich nicht in 90 Minuten"

Fußball bedeutet Leidenschaft und Identifikation. Er öffnet Ventile für Emotionen und führt wildfremde Menschen regelmäßig im Stadion zusammen: Sie jubeln und leiden gemeinsam, sie fachsimpeln und sie schimpfen – sie liegen sich in den Armen oder teilen ihre Niedergeschlagenheit. Dabei haben sich seit den 90er Jahren phantasievolle Rituale entwickelt, die durchaus Parallelen und Analogien zu unseren religiösen und kirchlichen Ritualen aufweisen.

In ihrer Grundstruktur spricht die Liturgie viele Sinne an: sie ist geprägt durch Bewegung und uralte Choreographien, sie baut auf das Wort ebenso wie auf den Gesang, und sie setzt darauf, dass die ganze Gemeinde aktiv mittut. Die meisten unserer Gebete und Gesänge haben ihren festen Platz im Gottesdienst. All dies ist im Stadion ähnlich: sei es der Einzug der Mannschaften, begleitet von den Einlaufkindern und den immer wiederkehrenden Melodien; seien es die "Antwortgesänge" bei der Verkündung der Mannschaftsaufstellung oder den Torerfolgen der Heimmannschaften – oder sei es das Abschreiten der Fanränge durch die Spieler nach dem Spiel, das zuweilen Anflüge eines Schlusssegens hat. Und ich will dabei gern einräumen, dass unseren Gottesdiensten ein Schuss mehr an Hingabe und Leidenschaft gut zu Gesicht stünde.

Für viele Fußballanhänger gliedert der Spieltag die Woche in Alltage und "Feiertage", und bisweilen verstehen Fans den Fußballsport als Ersatzreligion. Wir finden Fußball- und Flankengötter, Wunder rund um den Ball, heiligen Rasen oder "Spielerreliquien", die Züge des Sakralen tragen. Die Grenzen verwischen sich. Und es gibt nicht Wenige, die um den Sieg ihrer Mannschaft beten und bisweilen Kerzenopfer darbringen, wie es eine kleine Gruppe von Fans des SV Wacker Burghausen allwöchentlich im Wallfahrtsort Altötting praktiziert.

Es gibt aber auch die Nachdenklichen, denen eine solche Vermischung von "Kick und Kult" zu weit geht. Sie vermögen das Wirken des oft beschworenen Fußballgottes kaum zu erkennen. So stellte Spaniens Nationaltrainer Luis Aragones vor der Europameisterschaft 2008 fest, Gott halte weder zu seiner Mannschaft, noch zu Rußland oder einem anderen Team. Auch nach dem Titelgewinn änderte sich diese Ansicht nicht.

Der deutsche Nationalspieler Christoph Metzelder, früher Messdiener im Münsterland und heute Profi bei Real Madrid, stellt kategorisch fest: "Gott zeigt sich nicht in neunzig Minuten." Damit hat er den wesentlichen Unterschied zwischen Religion und Fußball angerissen, der sich nicht zuletzt in der Trauer um Robert Enke zeigte. Am Abend nach seinem Freitod war es die Hannoveraner Marktkirche, in der sich die Bestürzung über diesen für viele unfassbaren Schritt verortete. Die damalige evangelische Landesbischöfin Käßmann fasste in ihrer Predigt Ohnmacht, Fassungslosigkeit und hoffnungsvolle Perspektive in eindrucksvolle Worte. Das Kerzenopfer der Gemeinde war sodann kein sinnentleerter Gestus, sondern tätiges Trauerwerk.

Unser Ausstellungsprojekt greift einerseits Skurrilitäten einer Vergötterung des Fußballs auf. Es lotet im zweiten Teil aber auch Schnittmengen eines produktiven Miteinanders von Fußball und Kirche aus, die weiterzuentwickeln durchaus für beide Seiten lohnenswert sein könnte. Diese Spur sollten wir weiter verfolgen.

Am Ende gratuliere ich dem VfL zum 111. Geburtstag und drücke die Daumen für den Aufstieg in die 2. Liga. Unserem zweiten Kooperationspartner, Hannover 96, wünsche ich das notwendige Quäntchen Glück zum Klasseerhalt. Mein Dank gilt sodann allen Leihgebern für ihre Mithilfe, und besonders dem Spieler Grafite für die Übernahme der Schirmherrschaft.

"Du führst uns hinaus ins Weite" war das Leitwort unseres 97. Deutschen Katholikentages 2008. Inspirierte Weite wünsche ich dem Fußball und seinen Freunden – inspirierte Weite ohne jegliche Enge von Gewalt, Hass und Rassismus.

Dr. Franz-Josef Bode,
Bischof im Bistum Osnabrück

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